Interview mit Sven Külper, Founder von mytaxi und Orbit – „Eine radikale Nutzerzentrierung ist essenziell für den Erfolg“

mytaxi, eine App die innerhalb kürzester Zeit die Taxibranche revolutionierte. Doch wie gelingt es ein derart disruptives Geschäftsmodell zu entwickeln und sich gegenüber der Konkurrenz damit durchzusetzen? Eine schwierige Frage die uns Sven Külper, Founder von myTaxi und Orbit, im Interview beantwortet.

publish-industry: Mit welchen Maßnahmen haben Sie es geschafft sich mit mytaxi gegen andere Marktteilnehmer sowie den klassischen Taximarkt durchzusetzen?

Sven Külper, Orbit: Im Jahr 2009 starteten wir mytaxi. Damals tauchte alle 14 Tage irgendwo auf der Welt ein Copycat auf. Dadurch war der Innovationsdruck unglaublich groß. Zudem traten schnell große Player, wie Uber oder easyTaxi, auf den Markt. Gegenüber diesen mussten wir uns extrem stark behaupten, um gegen deren Wachstum vorgehen zu können. Unser Erfolgskonzept war es hierbei, dass wir das Ganze als Lean Startup extrem schlank gestalteten und vorgaben, dass jede Zeile Code dem Endnutzer auch einen tatsächlichen Mehrwert bringen muss. Als Startup hat man außerdem immer nur bis zum Ende des Jahres Geld. Dementsprechend mussten wir zusehen, dass alle Prozesse extrem effizient und funktionstüchtig sind.

publish-industry: Können Sie dafür konkrete Maßnahmen nennen?

Sven Külper, Orbit: Wir haben bei mytaxi schon sehr früh eine radikale Nutzerzentrierung betrieben. Viele Unternehmen haben erst heute verstanden, dass das für den Erfolg essenziell ist. Das Erfolgskonzept beinhaltet aber auch, dass man erst die Nutzerpains prüft, bevor über das Businessmodell, die Monetarisierung oder mögliche Lösungen nachgedacht wird. Die Kunst ist, diese besser zu lösen als jeder andere. Anfängliche Konkurrenten haben damals Apps zur Taxibestellung auf den Markt gebracht, die lediglich aus einem Knopf bestanden. Auf diesen konnte der User drücken, um das Taxi zu bestellen. Das hat aber nicht dessen Kernpain erfüllt. Wir hingegen haben diesen identifiziert. Denn bei unserer Analyse stellten wir fest, dass eine Taxifahrt sowohl für den Passagier als auch für den Taxifahrer, nicht ausreichend transparent ist. Das war der eigentliche Knackpunkt und große Trigger der mytaxi-App. Als die mytaxi-App auf den Markt kam, war diese eigentlich nichts anderes als eine Google-Map mit zwei Icons, die sich aufeinander zubewegen. Diese einfache Darstellung ist aber genau das was sich der User wünscht, sie trifft genau den Nutzerpain. Es reicht eben nicht nur der Knopfdruck, um das Taxi zu bestellen, sondern ist das eigentlich wichtige die Transparenz des Prozesses. Genau diesen Wunsch umzusetzen haben wir besser verstanden als alle Anderen und wurden deshalb so erfolgreich.

Strategisch geht es hierbei sehr stark um den minimalen Grenznutzen. Früher musste bei der Entwicklung eines neuen Geschäftsmodells der Nutzen, den dieses stiftet, gigantisch groß sein. Heutzutage hat sich das komplett gedreht. mytaxi ist im Grunde genommen ja nichts anderes als die bequeme Bestellung eines Taxis. Der Nutzer muss nicht weiter zum Telefonhörer greifen, sondern einfach auf den Knopf in einer App drücken. Der Grenznutzen ist somit zwar minimal, nichtsdestotrotz ist der Impact gigantisch groß. Heißt, wenn ich es heute schaffe etwas auf den Markt zu bringen was nur minimal besser ist als die Entwicklung der Konkurrenz, ist der Impact und Erfolg des Geschäftsmodells sofort riesig. Eben das macht den Innovationsdruck so wahnsinnig groß. Deshalb kann man sich auch nicht mehr 50 Jahre auf seinem Geschäftsmodell ausruhen, sondern muss jeden Tag drüber nachdenken wie man die sich verändernden Kundenbedürfnisse besser befriedigt als anderen Anbieter.

publish-industry: Vor kurzem haben sich Daimler und BMW mit ihren Car-Sharing-Diensten, Car2Go und DriveNow, zu FreeNow und ShareNow zusammengeschlossen. Was halten Sie von dem Zusammenschluss der einstigen Konkurrenten?

Sven Külper, Orbit: Das ist revolutionär. Ich finde diesen Schritt großartig, und zwar aus dem einfachen Grund, dass dieser Schritt unglaublich nutzerzentriert ist. Allein die Entscheidung DriveNow und Car2Go zusammenzulegen, ist total convenient und ein wahnsinniger Vorteil für den Kunden. Diese Allianz halte ich für einen guten und vor allem wichtigen Schritt.

publish-industry: Finden Sie, dass durch den Zusammenschluss ShareNow nun dauerhaft die Marktmacht gegenüber Uber hat? Zweiteres ist ja gerade auch sehr stark in Deutschland im Kommen.

Sven Külper, Orbit: DriveNow und Car2Go konnten sich immer gut gegenüber Uber behaupten. Das hat aber auch viel damit zu tun, dass sich Uber am Anfang sehr viele Steine selbst in den Weg gelegt hat. Denn Uber ist mit einem Private-Hire-Konzept auf den Markt getreten und hat deutsche Gesetze nicht berücksichtigt. Es gibt aber bestimmte Regularien, die man als Unternehmen berücksichtigen muss. Später hat Uber erkannt, dass sie gegen diese nicht ankommen und hat seine Strategie wieder in Richtung Taxibranche geswitcht. Der Taxi-Markt konkurriert stark mit Mietfahrzeugen und dementsprechend war das strategisch sehr ungünstig. Zudem ist Daimler so groß, dass sie sich gut gegenüber Uber behaupten können. Mittlerweile ist mytaxi, nach meinem Ermessen, aber vor allem wegen der gesamten Experience überlegen. Letztendlich sollte aber derjenige das Rennen machen, der den besseren Service anbietet. Da müssen sich Daimler und BMW mit ihrem Konzept definitiv nicht verstecken. Im freien Wettbewerb werden sie sich auch künftig behaupten.

publish-industry: Also werden sie in Zukunft nebeneinander bestehen oder wird ShareNow Uber abhängen?

Sven Külper, Orbit:  Es gibt natürlich Inseln, wie Paris, wo Uber auch innerhalb von Europa relativ stark ist. Dort und in Berlin versuchen sie immer wieder Fuß zu fassen. Ich glaube aber, dass das nur einzelne Angriffsflächen sind, da Daimler mit seinem Service europaweit fast überall, in allen relevanten Großstädten, vertreten ist.

publish-industry: Sie beraten mit Orbit Unternehmen, bei der Entwicklung disruptiver Lösungen im Zuge der Digitalisierung. Woraus schöpfen Sie Ihre Inspiration immer wieder über Jahre etablierte Prozesse zu überdenken und völlig neue zu kreieren?

Sven Külper, Orbit:  Bei Orbit treibt uns maßgeblich das Thema Impact an. Es macht uns viel Spaß mit unseren Lösungen eine tatsächliche Veränderung hervorzurufen. Gerade wenn man die Substanz und Assets etablierter Unternehmen nimmt und dort die Digitalisierungsspritze ansetzt, können tolle Dinge entstehen. Start-ups sind auch spannend, denn diese sind immer Greenfield. Das ist auf der einen Seite toll, auf der anderen ist bei etablierten Unternehmen der Impact oft wesentlich größer. Wir sind Cross-Industry unterwegs, durch die damit einhergehenden unterschiedlichen Anforderungen lernt man wahnsinnig viel und es gibt zahlreiche Überschneidungen. Außerdem haben wir schon so viele Geschäftsmodelle gesehen, dass wir in der Lage sind unterschiedliche Sparten der Industrie mit unterschiedlichen Geschäftsmodellen, Gedanken, Subscription-Modellen, Plattformen und Ökosystemen aus anderen Industrien zu layern. Genau durch diesen Mix kommen wir auf intelligente Lösungen und darauf etwas zu nutzen, was normalerweise in einem ganz anderen Kontext steht.

Herzlichen Dank, Herr Külper, für dieses spannende Gespräch.

Sven Külper, Founder von mytaxi und Orbit, ist Speaker auf dem INDUSTRY.forward Summit 2019. Unser Interview führte Anna Gampenrieder, Editor bei publish-industry.