Supply Chain ist für die Blockchain-Technologie eine gemähte Wiese

Michael Reuter, CEO Datarella, im Interview mit Christian Fischbach:

publish-industry: Was ist eine Blockchain? Können Sie das in drei Sätzen erklären?
Michael Reuter: Eine Blockchain ist eine Software, die eine Datenbank und ein Buchhaltungssystem beinhaltet. Das heißt, dass mit der Blockchain Transaktionen durchgeführt werden können, die dann in einer besonderen Form – nämlich unveränderlich – archiviert werden. Alle Teilnehmer einer Blockchain haben somit die Möglichkeit, dieselben konsistenten, richtigen und vollständigen Daten in real-time zu sehen.

publish-industry: Wie sehen Sie Blockchain-Technologie für die Industrie: Hype oder Blaupause für die Zukunft?
Michael Reuter: Wie jedes neue Technologie-Thema wird natürlich auch die Blockchain gehypt. Allerdings handelt es sich hier um eine Innovation, die grundlegenden Charakter hat. Der fundamentale Unterschied zwischen einer Blockchain und anderen zentralen Systemen liegt in der Dezentralität. Es ist also möglich, Daten bei allen möglichen Teilnehmern weltweit dezentral zu speichern, die dadurch denselben Datensatz in Echtzeit betrachten können. Daraus entstehen sehr hohe Effizienzgewinne in Prozessen, die mit klassischen zentralen Datenbankarchitekturen in dieser Art nicht durchgeführt werden könnten.

Ein Beispiel: Stellen Sie sich vor, Sie haben diverse Prozesse, die mit unterschiedlichen Teilnehmern ablaufen, etwa Supply Chains. Alle Teilnehmer haben eigene Datensilos, eigene Buchhaltungen und so weiter. Dann gibt es Wirtschaftsprüfer, die jede Datenbank einzeln prüfen müssen. Wenn irgendwann alles zusammengetragen ist, hat man ein Gesamtbild. Im Falle der Blockchain wird das Funktionieren der Blockchain einmal geprüft, und wenn dann in weiteren Konstellationen diese Blockchain-Lösung angewendet wird, muss gar kein Wirtschaftsprüfer mehr in irgendwelche, vielleicht weit entfernten, Orte fahren, um seiner Arbeit nachzugehen.

Das ist nur ein Vorteil; ein weiterer liegt darin, dass die Blockchain ein sog. Trustless System ist – schwer ins Deutsche zu übersetzen beziehungsweise bei Übersetzung irreführend. Der Begriff bedeutet schlichtweg, dass mit der Blockchain ein System vorliegt, bei dem sich die Teilnehmer nicht notwendigerweise vertrauen müssen, auch wenn sie gleichzeitig an ein und derselben Datenbank teilnehmen. So kann zwischen Wettbewerbern oder Unternehmen, die aus kartellrechtlichen Gründen nicht zusammenarbeiten dürfen, mit einer einzigen Datenbank gearbeitet werden, ohne dass es irgendwelche kartellrechtlichen bzw. wettbewerblichen Probleme gibt.

publish-industry: Dieser dezentrale Peer-to-Peer-Ansatz und die Tatsache, dass sich Partner nicht vertrauen müssen sind in der Industrie bisher weitgehend unbekannt. Können sich hierdurch komplette Geschäftsmodelle und Produktionsprozesse verändern?
Michael Reuter: Ich denke schon. Bei der Einführung neuer Technologien wird es nie so sein, dass alles Bisherige über den Haufen geworfen und durch Neues ersetzt wird; das geht nicht und ist auch gar nicht sinnvoll. Industrien müssen lernen, Firmen müssen lernen und Menschen müssen lernen, mit diesen Technologien umzugehen. Deshalb stellen wir fest, dass jetzt in der Anfangszeit der Blockchain Prozesse „blockchainisiert“ werden, die unternehmensintern laufen oder einfach kleine Teilprozesse komplexerer Abläufe sind. Anhand derer wir der Einsatz von Blockchains geübt. Und wenn man feststellt, dass es sachlich, aber auch hinsichtlich Skalierbarkeit und Prüfbarkeit funktioniert, dann wird man dazu übergehen, auch externe Prozesse – also beispielsweise Transaktionen mit Endkunden – auf Blockchain umzustellen.

publish-industry: Sehen Sie konkrete Einsatzgebiete in der industriellen Anwendung, bei denen die Blockchain ihre Stärken besonders ausspielen kann?
Michael Reuter: Ja! In herkömmlichen Supply Chains ist es so, dass N Teilnehmer der gesamten Wertschöpfungskette miteinander arbeiten, die sich nicht notwendigerweise vertrauen. Das ist quasi eine gemähte Wiese für die Blockchain-Technologie. Es gibt keine Software, die an dieser Stelle besser passt. Eine andere Einsatzmöglichkeit – an der wir auch gerade arbeiten – ist der Bereich Additive Manufacturing, dabei insbesondere die Quality Assurance. Da ist es nämlich so, dass die Qualitätssicherung für Produkte aus dem 3D-Drucker – nachweisbar für Dritte – irgendwie hergestellt werden muss. Mit herkömmlichen Mitteln geht das schlecht. Außerdem sind im Additive Manufacturing sehr viele unterschiedliche Teilnehmer beschäftigt, um letztlich ein einziges Produkt aus dem 3D-Drucker herauskommen zu lassen. Gerade wenn man an 3D-Designer denkt, an Hersteller und Materialanbieter et cetera, haben wir hier ein ideales Einsatzgebiet für Blockchain.

publish-industry: Und umgekehrt: Fallen Ihnen Szenarien ein, in denen die Technologie eingesetzt wird, aber eigentlich fehl am Platz ist?
Michael Reuter: Es gibt Fälle, in denen Blockchain als Subthema einer Digitalisierungsstrategie eingesetzt wird, weil sie vielleicht noch nicht jetzt, aber in Zukunft passen würde. Das heißt, dass man vielleicht jetzt Prozesse hat, die auch mit einer zentral ausgelegten Software gut abgebildet werden könnten, die jedoch zukünftig sinnvoller eine dezentrale Architektur aufweisen. Ansonsten gibt es natürlich immer wieder neue, meist End-User-bezogene Applikationen, die ein bisschen an den Haaren herbeigezogen werden, aber wenig Sinn machen. Wichtig ist, dass die richtig guten Blockchain Cases aus den Unternehmen selbst kommen und immer die Faustregel beachtet wird, mehrere am Prozess beteiligte Parteien zu haben, die sich nicht notwendigerweise vertrauen.

publish-industry: Keine Technologie ist vollkommen sicher. Welche Risiken beherbergt die Blockchain-Technologie?
Michael Reuter: Die Blockchain-Technologie selbst birgt so gut wie keine Sicherheitsrisiken, da sie durch heute bekannte Technologien nicht wirklich angreifbar ist. Allerdings ist keine Blockchain-Lösung ohne Anbindung zu herkömmlichen Soft- und Hardware-Bestandteilen im Einsatz. Die Blockchain kommuniziert über das Internet; eine Website oder Kommunikationsverbindung sind grundsätzlich angreifbar und hackable. Deshalb ist das Entscheidende eigentlich, sich die Blockchain wie einen sehr massiven und sicheren Pfeiler vorzustellen, der um eine Schafweide herumsteht. Die anderen rundum stehenden Pfeiler sind jedoch weitaus weniger massiv und sehr viel unsicherer. Alle zusammen sollen jedoch die Schafe auf der Weide behüten. Das bedeutet: Die Blockchain alleine macht es nicht aus – sondern das Zusammenspiel mit anderen Technologien und deren Schnittstellen, welche sich besser als Angriffsziele eignen.

publish-industry: Inwiefern ist der hohe Energieverbrauch, der durch die Absicherung, vor allem Proof of Work entsteht, ein Problem und wie ist es zu lösen?
Michael Reuter: Es gibt Public Blockchains und Private Blockchains. Public Blockchains, so wie Bitcoin und ds Ethereum Mainnet, basieren auf dem Konsens-Mechanismus Proof of Work. Dieser beruht darauf, dass viele Computer um die Lösung komplexer algorithmischer Probleme konkurrieren – was eben diesen hohen Energieverbrauch erfordert. In den Lösungen, die wir bauen, handelt es sich allerdings meistens um private Blockchains. Man erstellt sozusagen eine Kopie der öffentlichen Blockchain und bedient sich anderer Konsens-Mechanismen als Proof of Work: etwa des Proof of Authority. Hier wird ein Teilnehmerkreis gebildet, dessen Mitglieder sich kennen und durch einen Vertrag verbunden sind. Sie entscheiden beispielsweise demokratisch – durch Abstimmung – über das Hinzufügen von Informationen in die Blockchain; jedes Unternehmen verfügt zum Beispiel über eine Stimme. Somit entfällt der hohe Energieverbrauch von Proof of Work und wird durch einen hocheffizienten alternativen Konsens-Mechanismus ersetzt.

publish-industry: Wann werden wir die Technologie nennenswert in industriellen Anwendungen sehen?
Michael Reuter: In den von uns betreuten Unternehmen kann ich ja einschätzen und sehen, dass viele große und mittelgroße Firmen bereits mehrjährige Pläne für den Einsatz von Blockchains haben. Die intelligenten Pläne sehen vor, Blockchains bestimmte Teile von Prozessen ersetzen zu lassen. An diesen Stellen ist es jetzt schon bewiesenermaßen so, dass das funktioniert. Zwar geschieht dies zur Zeit oftmals noch in sogenannten Proof-of-Concepts – also noch nicht im Live-Betrieb – doch kann damit schon heute bewiesen werden, was Blockchain künftig leisten kann. Dadurch kann man tatsächlich bereits anfangen, sie in industriellen real live Lösungen einzusetzen. Die Blockchain ist nicht etwas, was in der Zukunft beginnt – sondern etwas, was schon da ist.